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I can't go there no more

Im Titel „I can’t go there no more“ äußert sich die Gewissheit, dass sich etwas verändert hat: Dass Matthias Falco Walther nicht mehr dorthin gehen kann, wo er bereits war. Weil neue Erfahrungen Veränderung bringt und der Mensch sich diesen nicht erwehren kann.
Die Dilemmata und die Entscheidungsprobleme sind dabei aber stets selbst-reflexiv, weil sie sich auf Vergangenes berufen, und daraus neue Spielräume für die Gestaltung des Bevor-
stehenden schaffen. Die Gewissenskonflikte im Abwägen und Zweifel vor neuen Lebensabschnitten sind der Ausgangspunkt für diese Fotografien.

Im Falle von Matthias Falco Walther heißen diese Veränderung: Sehnsucht nach gleicher-
maßen Freiheit und Geborgenheit. Diese versteht der Künstler selbst durchaus als Gegensatz: Wenn der Mensch frei sein will, kann er sich nicht wirklich binden und verzichtet auf ein Stück Geborgenheit. Wenn er sich bindet, erfährt er diese Geborgenheit – aber büßt Freiheit ein. Dieser Widerspruch wird fotografisch untersucht, die Bilder sprechen eine Sprache der Verletzlichkeit – und gestehen sich diese dem Individuum auch ein.

So erforscht er seine Entscheidungsfindung, sein Hadern und sein Zweifeln auf sehr intuitive und vage Art und Weise. Die Selbstportraits, bei denen sich der Künstler hinter der Pflanze oder unter dem Teppich verbirgt, umschweifen das Thema des Versteckens und des Aus-
weichens vor der immer näher kommenden Entscheidung. Denn während das Portrait seines Vaters die Unterstützung widerspiegelt, die der Künstler erfahren hat, zeigt es im selben Moment auch, dass die Zeit seine Eltern verletzlich gemacht hat. Der Künstler spürt, dass er seine Eltern hinter sich lassen muss, um sein eigenes Leben aufzubauen. Aber auch das Gefühl, dass er somit seine Eltern im Stich lässt, wird immer größer. In ihm wächst die Angst, dass sie seiner Hilfe benötigen, während er weit fern der Heimat, in Kanada lebt. Diese Emotionen des Abschieds bindet der Künstler für sich im Portrait seiner Mutter.

Ein wiederkehrendes Motiv in den Fotografien Matthias Falco Walthers ist die Natur.
Mit dieser kam er sehr früh im Garten seiner Kindheit in Kontakt. Hier fand er einen Rückzugsort und eine Quelle zur Erholung, Abenteuer und Inspiration. Da dieser Garten nicht mehr existiert, treiben ihn die Erinnerungen und die Sehnsucht nach solch einem Ort umher. Durch diese tiefe Verbundenheit zur Natur war es für ihn nur schlüssig, in ihr nach Motiven zu seiner Arbeit zu suchen. Zu seinem Verständnis der Natur orientiert sich der Künstler auch an Prämissen der Romantik: Das Individuum wendet sich von der ratio ab und zur emotio hin. Die Natur wird zu einem transzendenten und übernatürlichen Rückzugsort.

In Bäume, Wasser und Pflanzen flüchtet der Beobachter der Realität. So verkommen Baum-
rinden zu Narben der Natur, Marmormuster zu Wellenformen und verwelkte Blumen, wie auch tote Eichhörnchen zu ästhetischen Ikonen. Natur wird dabei als Realitätsflucht und Rückzugsort verstanden, wo sich Totes mit Lebendigem verbindet. Wo immer er das Motiv der Natur gebraucht, wird deutlich, dass sie der Ort ist, an dem sich Umstände am sicht-
barsten verändern – und auf den der Mensch nur sehr wenig Einfluss haben kann. Egal, welche Entscheidungen wir heute treffen, die Begegnung von Totem und Lebendigem in der freien Natur wird auch weiterhin seinen Gang nehmen.

Erinnerungen, Erwartungen, Selbstreflexion, Ungewissheit, Verletzlichkeit, die Natur:
Das sind die großen Themen, an denen sich „I can’t go there no more“ abarbeitet, wenn
es den Prozess der Entscheidung, die Heimat für Kanada aufzugeben, fotografisch erfasst.
Der Künstler versetzt sich dabei in seinen Arbeiten in einen inneren Monolog: Ich werde mein angestammtes Zuhause verlassen, meine Eltern werden zurückbleiben, Geborgenheit und Sicherheit aufgeben. Ich habe Angst, von ihnen getrennt zu sein und nicht für sie da
sein zu können. Ich muss Selbstverantwortung übernehmen und bin ungewiss des bevor-
stehenden Abenteuers. Was ist, wenn der gewählte Weg falsch ist?

Meistens fragend, oft andeutend, aber niemals definitiv beant-wortend stehen die Bilder der Fotoserie sowohl für sich selbst als auch für ein übergeordnetes Suchen und Finden, Fragen und Antworten, Vergessen und Erinnern. Die Zeiten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermischen sich damit zu flüchtigen Alltagsimpressionen, die suggerieren, welch Ungewiss-
heit und Entscheidungslast wir Individuen ausgesetzt werden, wenn wir über den nächsten Schritt nachdenken.

Gewiss ist, dass sich was verändert. Inwiefern, wann und wo dies geschieht – bleibt unbeant-
wortet. Die Schatten, die unsere Gegenwart vorauswirft, werden wir erst in der Zukunft erfahren. Für den jetzigen Moment bündelt der Künstler ein Lebensgefühl zwischen Taten-
drang und Zweifel in eine Gewissheit, in einem Aussagesatz: I can’t go there no more.

- Jan Karon
Kanada/Deutschland, 2016





The title “I can´t go there no more” expresses the certainty that something has changed:
That Matthias Falco Walther cannot go there, were he has already been. New experiences bring change,which the human cannot resist. The dilemmas and decision making problems are however always self-reflective, because they recall on the past and thereby shaping a new scope for creation on the impending. The moral conflict in balancing and doubting new phases of life are the origin for these photographs.

In the case of Matthias Falco Walther, the changes are: desire for freedom and at the same time comfort. The artist understands these changes as a contrast: If man wants to be free,
he cannot completely commit themselves and forego on a piece of comfort. If he commits,
it is there were he receives this comfort – but loses freedom. This contradiction is explored photographically. The pictures speak a language of vulnerability – and the individual can admit this to themselves.

In a very intuitive and vague manner he explores his decision making, quarrels and doubts. The self-portraits in which the artist hides behind the plant or underneath the carpet,
outline the topic of hiding and evasion of ever closer coming decisions. While the portrait of his father reflects the support which the artist has experienced, it also shows in the very moment, that time has made his parents vulnerable. The artist senses that he must leave his parents behind to establish his own life. However, the feeling that he is abandoning them becomes ever greater. The growing fear, that they are depending on his support, while he is far away from home, living in Canada. The artist captures these emotions of farewell in the portrait of his mother.

Nature is a recurring motive in the photography of Matthias Falco Walther. Early on he came in contact with it, in the garden of his childhood home. In it he found a place for retreat and source for relaxation, adventure and inspiration. Since this garden no longer exist, he is driven by these memories and the desire for such a place. Through the profound bond with nature it was conclusive to search in nature for motives for his work. His understanding for nature is also based on the premise of Romanticism: The individual averts itself from ratio towards emotio. Nature becomes a transcendence and supernatural retreat.

With trees, water and plants the observer escapes reality. So tree barks degenerates to scars of nature, marbles to waves and withered flowers and dead squirrels to aesthetic icons. Nature is hereby understood as escapism and retreat, where life and death combines with one another. Wherever he uses the motive of nature, this is a place where change of circumstances is most visual – and the influence by man is only very limited. No matter what decision we choose today, the encounter of life and death in nature will take its course.

Memories, expectations, self-reflection, uncertainty, vulnerability, nature: These are the big topics that “I can´t go there no more” deals with, when it captures the decision-making process of leaving home for Canada. The artist puts himself in an inner monologue: I will leave my ancestral home, my parents will be stay behind, giving up comfort and security.
I am scared, to be separated from them and not being able to be there for them. I must take responsibility and I am uncertain about the upcoming adventure. What if the chosen path is wrong one?

Mostly asking, often suggesting, but never definitively answering, the pictures of the photography series stand for itself as well as a superordinate searching and discovering, questioning and answering, forgetting and remembering. The terms past, present and future blend fleeting everyday life impressions, they suggest, which uncertainty and burden of decision we individuals are exposed to when think about our next step.

Certain is, that something will change. When, where and how remains to be seen.
The shadows cast by the present, we will only experience in the future. In the present moment, the life awareness of the artist is in a state between the thirst for action and
doubt in a certainty, in a statement: I can’t go there no more.

- Jan Karon
Canada/Germany, 2016